»Wenn die Arbeit ruft«: Der zweite Einsatz führt an den Stand der Kinderfarm Jimbala beim Internationalen Spielefest in Friedberg

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aus der Wetterauer Zeitung vom 20.07.2012

Alle einsteigen, bitte! Jetzt geht’s bergab.

Noch etwas Glitzer über Stirn und Wangen, und fertig ist die Meerjungfrau – oder etwas in der Art. Ich sage Leonie, dass sie die Augen wieder aufmachen kann, und halte ihr den Spiegel vors Gesicht. Für den Bruchteil einer
Sekunde schaut die Fünfjährige skeptisch, dann fängt sie an zu kichern. »Sieht schön aus«, sagt sie.
Puuuhhh, noch mal Glück gehabt.

Um ehrlich zu sein: Leonie, die vom Bänkchen vor dem Schminktisch hopst, an dem ich sitze, war nicht nur die erste Meerjungfrau, die ich geschminkt habe, sondern überhaupt erst das vierte Kind in meinem Leben, dem ich im Gesicht rumpinseln durfte. Viel Erfahrung habe ich also nicht. Gleiches gilt für Kinder – mit denen habe ich auch nicht viel Erfahrung. Der Einsatz am Stand des Vereins Kinderfarm Jimbala beim Internationalen Spielefest in Friedberg ist daher genau das Richtige für mich: Ich erweitere meinen Horizont und helfe dabei noch anderen – darum geht’s schließlich bei meinem Arbeitseinsatz. Karin Johannsmann, Vorsitzende des Vereins, der in Friedberg eine Mischung aus Kinderbauernhof und Abenteuerspielplatz aufbauen möchte, hatte in der Zeitung den Text »Wenn die Arbeit ruft . ..« gelesen und per E-Mail um Hilfe für das Spielefest gebeten. Verständlich, denn der Jimbala-Pavillon und die Spielgeräte bauen sich nicht von alleine auf, außerdem will der Nachwuchs betreut, bespaßt und geschminkt werden. Mein ehrgeiziges Ziel: Ich will nicht nur helfen, sondern außerdem jedem Kind, mit dem ich im Laufe des Tages zu tun haben werde, einige schöne Minuten bereiten. Heute soll kein Kind weinen – vor allem nicht wegen mir. Wie Paul, der Sohn einer Kollegin an seinem ersten Geburtstag, weil ich ihm aus Versehen in den Finger gebissen habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Da Vorbereitung alles ist, schaue ich mir am Abend vor meinem Arbeitseinsatz im Internet an, wie aus Luftballons Tiere geformt werden. Einen Aal sollte ich hinbekommen, Giraffe, Biene und Co. werden andere übernehmen müssen. Auch in punkto Kinderschminken bin ich nach 20 Minuten Internet auf dem Stand der Dinge. Fee, Spiderman, Pirat und Meerjungfrau – kein
Problem.

»Bloß nicht schüchtern sein«

 

Als ich am Sonntag um 9 Uhr auf der Friedberger Seewiese anrücke, wartet das Jimbala-Team bereits auf mich. Jörg Hirzmann, Anna Umbach, Jobst Ubbelohde, Karin Johannsmann, Dirk Otto, Melanie Rix, Magdalena Apel und Holger Wiedey heißen meine freundlich dreinblickenden Ein-Tages-Kollegen. Einige von ihnen werden im Lauf des Spielefests von anderen Jimbala-Mitgliedern abgelöst. Ich stelle mich kurz vor, und schon geht’s los mit Pavillon aufbauen. Schnell übernehmen die Männer das Ruder. Also mache ich mich daran, Bänke von Bierzelt-Garnituren in Richtung Jimbala-Stand zu schleppen. Im Anschluss gilt es, die Rollenrutsche aufzubauen und Steine zum Beschweren der Vereinsflyer zu suchen. Dann noch das Jimbala-Banner am Pavillon aufhängen, damit das auch von Weitem gut sichtbar ist. Fertig. Gerade rechtzeitig, denn einige Kinder sind schon da.

Melanie Rix, die die erste Schicht am Schminkstand übernimmt, weist mich ein: »Immer fragen, ob du über die Augen schminken darfst. Und bloß nicht schüchtern sein. Wenn du was nicht schminken kannst, dann sag es den Kindern. Und du musst schnell sein. Drei bis fünf Minuten pro Kind.« Ich nicke andächtig, während sie mir einen Pinsel in die Hand drückt und mir empfiehlt, erst mal an jemandem zu üben. Magdalena Apels Arm muss dran glauben. »Sieht doch gut aus«, meint sie. Finde ich auch: Ich bin bereit für den Ernstfall. Und der kommt schneller als gedacht. Zwei etwa achtjährige Mädchen kommen auf mich zu. »Wir wollen beide eine Blumenranke. Dieselbe. Wir sind nämlich beste Freundinnen«, informiert mich eines der Mädchen. Es ist blond, blauäugig und hat einen hellen Teint. »Wir wollen aussehen wie Zwillinge«, sagt ihre Freundin, die mit ihren schwarzen Locken und den dunklen Knopfaugen einer Prinzessin aus dem Orient ähnelt. Aussehen wie Zwillinge? Das schaffe ich mit Schminke nicht, denke ich und lege los. Nach zehn Minuten ziert beider Mädchens Gesicht eine Blumenranke. »Jetzt sehen wir aus wie Schwestern«, gluckst die Dunkelhaarige zu meinem Erstaunen.

Andrang an der Rutsche

 

Ich verwandle einen Jungen in einen – zugegebenermaßen recht missglückten, aber dafür umso böser aussehenden – Piraten und Leonie in eine Meerjungfrau. Alles geht glatt. »Lös den Jörg mal ab«, bittet mich Karin Johannsmann. Hurtig mache ich mich auf den Weg zur Rollenrutsche. Schließlich soll die Chefin zufrieden mit mir sein. An der Rutsche herrscht großer Andrang. Junge und ältere Kinder sausen in einem Plastikkasten die Rollenrutsche hinab. Jörg Hirzmann erklärt mir, was zu tun ist: Kiste oben auf die etwa zehn Meter lange Rutsche stellen und festhalten, bis das Kind komplett drin sitzt, ängstliche Kinder ein Stück die Rutsche hinab begleiten, mutige ruhig anschubsen. »Du musst die erziehen, die müssen die Kiste wieder zurücktragen«, trichtert mein Anleiter mir ein. Er weiß warum. Die nächsten Minuten trage ich den Kindern die Kisten hinterher. Die haben schnell durchschaut, dass ich mich nicht traue, sie zu ermahnen. Nach fünf Minuten reicht’s mir. Es gibt klare Ansagen an alle, die rutschen wollen. Nur die ganz Kleinen bekommen Unterstützung.

An der Rutsche zu arbeiten, ist anstrengender als gedacht. So lange es geht, versuche ich durchzuhalten. Dann übernimmt Jörg wieder, während ich zum Jimbala-Pavillon zurückeile. Dort helfe ich den Kindern beim Töpfern. Oder helfen die Kinder doch mir? Zugegeben, die Arbeit mit Ton liegt mir überhaupt nicht. Mein Töpfernachbar Mahsun guckt kritisch, als ich betone, dass die von mir geformte Mini-Schale für Erdnüsse gedacht sein soll und künftig in meinem Wohnzimmer stehen wird.

Inzwischen bin ich seit sieben Stunden dabei, bisher habe ich kein Kind zum Weinen gebracht, dafür aber viele zum Lachen. Zwei Stunden liegen noch vor mir, mittlerweile schminke ich Kindergesichter im Akkord. »Du wirst immer besser«, lobt Karin Johannsmann. Doch dann passiert es: Eine Siebenjährige will geschminkt werden. Eine pinke Katze soll es sein. »Die kann ich noch nicht«, sage ich dem Mädchen, das allerdings auf dem Motiv beharrt. Als sie sich nach getaner Arbeit im Spiegel sieht, gehen ihre Mundwinkel zwar nicht nach oben, zu weinen beginnt das Mädchen aber auch nicht. Mein schlechtes Gewissen hält noch an, als ich wenig später der achtjährigen Jasmin den gewünschten Schmetterling ins Gesicht male, und verfliegt erst, als ich ihr glückliches Lächeln im Anschluss sehe.

Dann ist Schluss. Es regnet in Strömen, um 17.30 Uhr bauen wir den Pavillon ab. »Was könnte ich beim nächsten Mal besser machen?«, will ich von meinen Kollegen wissen. »Mehr mit den Kindern kommunizieren«, sagt Jörg Hirzmann. »Quatsch, der Jörg ist, was das Reden anbelangt, bei 150 Prozent«, sagt meine Chefin, greift mir an die Schulter und sagt: »War super, hat Spaß gemacht.«

Übrigens: Die Mini-Erdnuss-Schale hat das Spielefest nicht überlebt.

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